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IOM feiert 70 Jahre Partnerschaften im Bereich der Migration

1959 © International Organization for Migration
In Salzburg wird alles für den Flug einer Familie in die USA vorbereitet.

1966 © International Organization for Migration

Osteuropäische Flüchtlinge auf dem Weg von Österreich in die USA.

2021 © International Organization for Migration

Mädchen und junge Frauen mit Migrationshintergrund bei einem IOM Workshop.

Genf/Wien, 3.12.2021 – Am 5. Dezember jährt sich zum 70. Mal der Tag der Gründung der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Mit über 20.000 Mitarbeiter/innen, die in 450 Büros auf der ganzen Welt tätig sind, ist IOM als Teil des UN-Systems die führende zwischenstaatliche Organisation im Bereich Migration. 174 Mitgliedsstaaten gehören ihr an – und Österreich ist von Anfang an dabei. 

Die Geschichte der Organisation ist mit der ihres Gründungsmitglieds Österreich eng verbunden. Ihre Relevanz für Österreich zeigt sich aber auch in der zunehmenden Breite an Aktivitäten, die mit österreichischen Partner/innen umgesetzt werden. Diese erstrecken sich vom Integrationsbereich über Forschung und Bekämpfung von Menschenhandel bis hin zur Unterstützung von freiwilliger Rückkehr und Reintegration, humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit im Ausland. 

„Migration ist ein vielschichtiges Phänomen, das sowohl mit großen Potentialen als auch mit Herausforderungen verbunden ist“, betont Marian Benbow Pfisterer, Leiterin des IOM Landesbüros für Österreich. „Nur gemeinsam kann es gelingen, die Herausforderungen zu bewältigen und Migration so zu gestalten, dass sie allen – Migrantinnen und Migranten genauso wie der aufnehmenden Gesellschaft, den Herkunfts-, Transit- und Aufnahmeländern – zugutekommt. Wir sind dankbar, dass wir mit Partnerinnen und Partnern wie den österreichischen Ministerien und Behörden, dem UNHCR und vor allem den NGOs in Österreich seit 70 Jahren zusammenarbeiten können, um Migrantinnen und Migranten in Österreich, aber auch in anderen Ländern, zu unterstützen.“ 

Die Nachkriegsjahre – Internationale Solidarität für Flüchtlinge und Vertriebene

Die Organisation wurde am 5. Dezember 1951 im Rahmen einer internationalen Migrationskonferenz gegründet, bei der Lösungen für die unerträgliche Situation von Flüchtlingen und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa gefunden und durch Migration neue Perspektiven für Europäer/innen eröffnet werden sollten. 19 Staaten, darunter auch Österreich, fassten den Beschluss, ein „Provisorisches zwischenstaatliches Komitee zur Auswanderung von Migranten aus Europa“ (Provisional Intergovernmental Committee for the Movements of Migrants from Europe - PICMME) einzurichten – die Vorläuferorganisation von IOM. Ihre Aufgabe: Die Förderung der internationalen Zusammenarbeit, um Menschen in Europa die Auswanderung in aufnahmebereite Länder zu ermöglichen.

Österreich sah in der neuen Organisation eine Möglichkeit, das Los der weiterhin in Lagern untergebrachten Flüchtlinge zu lindern, und beschloss, dem provisorischen Komitee zunächst für ein Geschäftsjahr beizutreten. 1953 wurde die Satzung der – inzwischen in „Intergovernmental Committee for European Migration (ICEM)“ umbenannten – Organisation angenommen, und Österreich entschied sich noch im gleichen Jahr dazu, seine Mitgliedschaft bis auf Widerruf zu verlängern.

In Wien wurde ein Verbindungsbüro eingerichtet, für die Zusammenarbeit mit den Bundesländern wurden Zweigstellen in Salzburg und Linz aufgebaut. 

Erste Bewährungsprobe: Die Ungarnkrise

Nur wenige Jahre später standen Österreich und ICEM vor der ersten großen Bewährungsprobe: Im Zuge der Ereignisse im Oktober 1956 in Ungarn flüchteten rund 180.000 Menschen nach Österreich. Mehrere Staaten erklärten sich bereit, Österreich zu entlasten und Flüchtlinge aufzunehmen; ICEM übernahm die Verantwortung für die Weiterreise von 144.000 Menschen. Die Organisation registrierte die Flüchtlinge, sorgte für ihre medizinische Behandlung, bot Sprachkurse und Berufsausbildungsmöglichkeiten an, und arbeitete dabei eng mit österreichischen Behörden, den aufnahmebereiten Staaten sowie mit der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR, der Liga der Rotkreuzgesellschaften und österreichischen NGOs zusammen. 

Von der europäischen zur globalen Zusammenarbeit

Auch in den darauffolgenden Jahren blieb Österreich von Krisen im Ausland nicht unberührt. Als 1968 in der Folge des „Prager Frühlings“ über 160.000 tschechoslowakische Flüchtlinge nach Österreich kamen, organisierte ICEM die Weiterreise von etwa 40.000 von ihnen ins Ausland.

In den 1960er und 1970er Jahren befasste sich ICEM zunehmend mit erzwungener Migration aus Ländern außerhalb Europas, von deren Auswirkung auch Österreich betroffen war. Als 1972 aufgrund eines Beschlusses des Staatspräsidenten von Uganda alle Einwohner/innen asiatischer Herkunft das Land verlassen mussten, erklärte sich Österreich bereit, ein Kontingent an Flüchtlingen dauerhaft aufzunehmen; und gestattete auf Bitten des britischen Botschafters sowie von ICEM und UNHCR den vorübergehenden Aufenthalt von weiteren Betroffenen, die später in andere Staaten auswandern sollten. ICEM unterstützte in der Folge mehr als 1.000 betroffene Personen dabei, aus Österreich auszuwandern. Auch in den darauffolgenden Jahren arbeiteten ICEM, UNHCR und Österreich immer wieder zusammen, damit Flüchtlingen, etwa aus Chile, dem indochinesischen Raum oder Vietnam in Österreich Schutz gewährt werden konnte. 

In Anerkennung ihrer zunehmenden globalen Rolle wurde die Organisation 1980 zunächst zum „Zwischenstaatlichen Komitee für Migration“ (ICM) und schließlich 1989 zur „Internationalen Organisation für Migration (IOM)“.

Umbrüche: Österreich hilft, IOM unterstützt

In Österreich unterstützte IOM Migrant/innen nach wie vor bei ihrer Weiterwanderung in aufnahmebereite Länder. In den 1980er Jahren waren das vor allem osteuropäische Flüchtlinge, etwa aus Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn und Rumänien. IOM unterstützte Österreich aber auch anderweitig, etwa durch Flüge für österreichische Entwicklungshelfer/innen oder ab 1990 bei der Rückkehr und Reintegration von in Österreich lebenden Flüchtlingen aus Chile. 

Die Krise am Balkan in den 1990er Jahren war auch für Österreich von großer Relevanz. 13.000 Menschen aus Kroatien sowie 90.000 Menschen aus Bosnien und Herzegowina fanden in Österreich Schutz vor dem Kriegsgeschehen im ehemaligen Jugoslawien. Zwischen März 1998 und Mai 1999 flohen fast 795.000 Menschen aus dem Kosovo*. IOM organisierte zusammen mit UNHCR ein humanitäres Evakuierungsprogramm, das rund 80.000 kosovarische Flüchtlinge in über 30 Aufnahmeländer brachte – davon nahm Österreich mehr als 5.000 Personen auf.

Zwischen 1993 und 2001 unterstützte das IOM Büro in Wien rund 4.400 bosnische Flüchtlinge bei ihrer Aus- und Weiterreise. IOM organisierte aber auch gemeinsam mit der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) die Beteiligung von Flüchtlingen in Österreich und anderen Ländern an Wahlen in Bosnien und Herzegowina sowie an den Kommunalwahlen im Kosovo, um ihnen demokratische Teilhabe zu ermöglichen.

In der zweiten Hälfte des Jahres 1999 begann IOM in Kooperation mit den österreichischen Behörden, den Bundesländern und NGOs wie der Caritas, die Rückkehr von Kosovar/innen aus Österreich zu unterstützen.

Erweiterung der Arbeitsbereiche: Freiwillige Rückkehr, Bekämpfung von Menschenhandel, Migrationsforschung, Integration

Die Bedeutung der Unterstützung für freiwillige Rückkehrer/innen stieg in den Jahren darauf kontinuierlich an. Im Jahr 2000 unterzeichneten das Bundesministerium für Inneres und IOM ein Übereinkommen zur Zusammenarbeit im Bereich der freiwilligen Rückkehr und Reintegration; seither wurden über 50.000 Menschen bei ihrer freiwilligen Rückkehr aus Österreich in unterschiedlichste Herkunftsländer unterstützt. Wesentliche Partner/innen dafür waren bis Ende 2020 die österreichischen NGOs, die Rückkehrberatung und Perspektivenabklärung für interessierte oder zu einer Ausreise verpflichtete Migrant/innen anboten; seit Beginn 2021 arbeitet IOM in diesem Bereich mit der nun zuständigen Bundesagentur für Betreuungs- und Unterstützungsleistungen (BBU) GmbH zusammen. IOM setzt sich dabei stets dafür ein, die Menschen auch nach ihrer Rückkehr nicht alleine zu lassen, und konnte mit finanzieller Unterstützung der EU und Österreichs zwischen 2010 und 2020 über 2.000 Menschen auch bei ihrer Reintegration in Ländern wie dem Kosovo, der Republik Moldau, Nigeria, Georgien, der Russischen Föderation/Republik Tschetschenien, Pakistan, Iran und Afghanistan unterstützen.

Auch in anderen Arbeitsbereichen waren und sind Partnerschaften für IOM zentral. Gemeinsam mit den zuständigen Ministerien und Behörden, UNHCR, Caritas Österreich, Diakonie Österreich und dem Österreichischem Roten Kreuz trug IOM zwischen 2013 und 2017 zur humanitären Aufnahme von insgesamt 1.900 syrischen Flüchtlingen bei, die vorwiegend aus der Türkei, dem Libanon und Jordanien nach Österreich kamen. Grenzüberschreitende Zusammenarbeit wird aber auch gelebt, wenn Österreich humanitäre Aktivitäten von IOM in anderen Ländern, wie aktuell in Griechenland, Libyen oder Bosnien und Herzegowina unterstützt, oder im Rahmen der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit Projekte von IOM vor Ort fördert. Um den Konnex zwischen Migration und Entwicklungszusammenarbeit sinnvoll aufzuarbeiten, unterstützt IOM außerdem österreichische NGOs im Rahmen der Arbeitsgruppe „Migration und Entwicklung“ der AG Globale Verantwortung mit migrationsspezifischer Expertise.

Staatenübergreifende Zusammenarbeit und Koordinierung ist auch das Kernkonzept des Europäischen Migrationsnetzwerks (EMN), eines EU-weiten Netzwerks, das objektive und zuverlässige Informationen zu Migration und Asyl zur Verfügung stellt und so einen wichtigen Beitrag zu evidenzbasierter Migrationspolitik leistet. Seit 2003 ist IOM Österreich als Nationaler Kontaktpunkt für Österreich tätig und hat zahlreiche Publikationen herausgegeben, hochrangige internationale Konferenzen organisiert und ein florierendes nationales Netzwerk von Expert/innen aufgebaut.

Die Bekämpfung von Menschenhandel ist ohne starke Partnerschaften nicht denkbar: Einerseits trägt IOM zur Arbeit der Task Force Menschenhandel bei, die aus Vertreter/innen der zuständigen Ministerien, der Bundesländer sowie von Nichtregierungsorganisationen besteht und vom Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten geleitet wird. Andererseits bietet IOM zusammen mit Opferschutzeinrichtungen wie LEFÖ oder MEN-VIA Trainings zur Identifizierung von Betroffenen von Menschenhandel und zu interkulturellen Kompetenzen im österreichischen Asylverfahren an.

Nicht zuletzt wird dieser partnerschaftliche Ansatz auch in der Arbeit mit Migrant/innen selbst gelebt. In den von IOM Österreich organisierten Workshops zur Integration, in denen junge Männer und Frauen mit Migrationshintergrund interkulturelle Kompetenzen erwerben und engagierte Mitglieder aus unterschiedlichen migrantischen Communities als interkulturelle Mediator/innen unterstützt werden, arbeitet IOM mit Vertreter/innen der Diaspora auf Augenhöhe zusammen.

„Die Qualität unserer Arbeit wächst mit der Zusammenarbeit“, zeigt sich Büroleiterin Benbow Pfisterer überzeugt. „Gerade in Zeiten wie diesen, in denen uns eine Pandemie in Atem hält, Mobilität eingeschränkt ist und die Gesellschaft enormen Spannungen ausgesetzt ist, ist es wichtig, auf das Miteinander zu achten. Aus diesem Grund wollen wir heute unseren Blick bewusst auf die vielen Partnerinnen und Partner lenken, ohne die wir unsere Arbeit nicht machen könnten. Es ist beeindruckend, wie viele Menschen und Organisationen in Österreich an einem Strang ziehen, um zu helfen.“

 

Besuchen Sie auch IOM History, um mehr über IOM's globale Arbeit der letzten 70 Jahre zu erfahren.

IOM's Anniversary Video: IOM at 70 - The Voices of Migrants

 

* Bezugnahmen auf den Kosovo sind im Kontext der Resolution 1244 (1999) des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen zu verstehen.